...and in this way wish away each day. (Porcupine Tree)

 



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Schachnovelle, französisch sprechende Belgier und "Bonne nuit"

Vorgestern Abend fing ich etwa um 23 Uhr an, die Schachnovelle zu lesen. Ich wollte zunächst zwecks meiner allabendliche Lese-Halbestunde nur reinschauen, doch es kam anders. Um 1:15 Uhr blickte ich das erste Mal wieder von dem Buch auf und sagte laut: "Fertig!" Mein Freund war längst in einen tiefen Schlaf gefallen, was ich vorher nicht registriert hatte. Während des Lesens war alles aus meinem Kopf verschwunden. Als ich auf die Uhr sah, war ich einigermaßen überrascht.
An Schlaf war jedoch (noch) nicht zu denken, denn erst einmal musste ich das Gelesene sacken lassen. "Wow, was für ein Buch", dachte ich immer wieder und nachdem ich über das Stadium des Staunens und Ergriffenseins hinüber war, überlegte ich, was es denn wohl mit der Novelle auf sich haben könnte. Dazu ordnete ich im Kopf das mir schon zur Verfügung stehende Wissen bzw. Fragen:
  • Die beiden gegensätzlichen Hauptfiguren Dr. B und der Schachweltmeister
  • Die verhältnismäßig lange Erzählung Dr. Bs über seine Isolation während der Nazigefangenschaft
  • Der Mensch und sein Verhalten in einer Extremsituation
  • Foltermethode: Den Menschen durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst brechen wollen
  • Das gelingende Schachspiel Dr. Bs im Normalzustand und das misslingende Schachspiel im Wahnzustand der Retraumatisierung
  • Was hat es mit den beiden gegensätzlichen Schachspielern auf sich? (Dr. B: abstrakt-theoretisch-innenweltlich / Schachweltmeister: visuell-praktisch)
  • Was sagt Dr. Bs Verlieren des zweiten Schachspiels im Wahn aus? Wurde sein Wille letztlich doch von den Nazis gebrochen? War er "nur" getriggert?
  • Wer ist der Sieger? Dr. B oder der Schachweltmeister?
  • Welche Rolle spielt Schach eigentlich wirklich? Ist es nur Mittel zum Zweck? Was für ein Zweck?

Solche Gedankenfetzen und Fragen kamen mir in den Sinn.
Und auf einmal war es kurz vor Zwei, ich war sehr müde geworden und beschloss, es bei dem Gedankenwust zu belassen und schlafen zu gehen, da ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen musste.

Ich bin entzückt von dem Ehrgeiz, der mit gepackt hat, diese Fragen zu beantworten und die Puzzleteile zusammenzusetzen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, das Naheliegende auf meiner komplett eigenen Motivation heraus tun zu wollen: historische Hintergründe recherchieren, andere Deutungen lesen, meine persönliche Deutung finden. Ich möchte meiner inneren Begeitserung durch ein Verstehenwollen Ausdruck zu geben.

Es ist nicht so, dass ich während des Studiums kein Interesse für Literatur hatte oder dass ich alles halbherzig und lieblos getan hätte. Viel mehr jagte mich immer etwas: Die Angst vor der Note, die Angst vor dem Time-Out, die Angst vor dem Urteil der kundigen Professoren. Die Angst trat an die Stelle der Begeisterung als Motivation und drosselte meine Fähigkeiten. Nun, bei der Schachnovelle, habe ich keine Angst zu versagen. Ich habe auch keine Angst davor, nicht perfekt zu sein in meiner Analyse, meiner Deutung. Es ist lediglich das Interesse und die Liebe zum Buch sowie die Liebe zum Erkenntnissgewinn und Verstehen, die mich antreibt, mich auf die Reise zu begeben: Die Reise, die Schachnovelle für mich mich und in meinem Kontext bestmöglich deuten zu wollen. 

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Jenseits der Schachnovelle passieren aber auch noch andere Dinge. Die Belgier sind da und können nur Französisch sprechen. Da ich gestern 8 Stunden lang bei einer Freundin zugebracht hatte, erlebten die Belgier nicht viel von mir. Als ich dann nach Hause kam, wurde ich erst einmal bearbeitet.
Merkwürdigerweise verstand ich nahezu 90% alles Gesagten. Es schien, als käme das Gesagte durch das Medium Sprache ohne große Beachtung der Sprache meinerseits einfach herübergeflogen. Mein Hirn konstruierte aus dem Verstandenen zusammenhängende Inhalte und es war mir möglich, blitzschnell zu antworten. Ähm...in Form von Nicken, Verneinen oder Schulterzucken. Das Problem war meine Schüchternheit. Ich sagte gleich zu Beginn mit hochrotem Kopf: "J'ai peur de parler francais." Damit wollte ich zweierlei erreichen:

Französisch sprechen und Hemmungen verlieren sowie
meiner Angst Luft machen und sie gegenüber möglichen Fehlern gnädig stimmen

Der Vater schien in mir trotz meiner Bedenken einen guten Gesprächspartner gefunden zu haben, denn er redete einfach drauf los: Die Deutschen wären in Deutschland sehr korrekt und ruhig, aber im Urlaub würden sie auf die Kacke hauen. Ich sagte, es seien "Préjudices", woraufhin die Mutter meinte: "Préjugés". Ich nickte fleißig und suchte nach Worten, fand aber keine. Nach einer kurzen Pause sagte ich: "J'étais à Paris, et j'avais eu peur de l'autos, parce qu'elles étaient très vite. C'est different qu'en Allemagne." Mir wurde mit verschiedenen französischen Worten und Kopfnicken heftigst zugestimmt. Die Mutter sagte, in Frankreich fahren alle wie die Bekloppten, da sei Deutschland nichts gegen. Meine Rede, dachte ich.

So ging es einige Zeit, bis ich mich dem Hund zuwandte, der ebenso nervös zu sein schien wie ich. Er kam mit der Schnauze ganz schön nah an mein Gesicht, das war mir aber egal, denn wenigstens konnte der nicht gleich auch noch auf Französisch zu sprechen anfangen. Das senkte meine vorher sehr hohe und für mich ansterngende Aufmerksamkeit und ständige Bereitschaft, etwas Kluges in einer mir doch recht fremd gewordenen Sprache zu sagen. Klug sein klappt ja manchmal sogar schon auf Deutsch nicht...

Als es dann "Bonne nuit" hieß, wiederohlte ich eifrig "Bonne nuit" mit besonders französischem Akzent. Mein Freund nickte nur und presste die Lippen aufeinander. Seit seiner peinlichen Einlage im Hotel in Paris spricht er gar kein Französisch mehr. (Er stellte sich als "Schapääääärööööö" sehr überfranzösisch ausgesprochen an der Rezeption vor, womit ich ihn bis heute aufziehe). 

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Um 14 Uhr kommen die Belgier für 1 Stunde noch mal in diesen Haushalt. In einer Stunde kann man viel sprechen und ich befürchte, ich werde das Opfer des ein oder anderen Französischangriffs sein. Aber vielleicht lerne ich dann ja das Schwimmen und frische mein fast schon verrostetes Französisch auf, um irgendwann sagen zu können: "Oui, je parle francais:"

8.9.12 12:30
 


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